Sport

„Das waren kriegsähnliche Auseinandersetzungen“

Hotelchefin Monika Lips hatte zur Plauderstunde ins Hotel Zwergschlösschen die einstigen Friedensfahrer Olaf Ludwig (l.) und Thomas Barth eingeladen.

Erschienen am 13.04.2026| Jahrgang: NG 8/26

Von Jens Lohse

Gera (NG). Die Friedensfahrt ist seit 2006 Geschichte. Damals wurde die bisher letzte Auflage des historischen Radrennens auf dem „Course de la Paix" ausgetragen. In der Erinnerung der Menschen lebt die Friedensfahrt, die 1948 ihre Premiere zwischen Warschau und Prag erlebte und ab 1952 auch durch die DDR führte, aber weiter.
Dies bewies die dritte, abermals gutbesuchte Auflage der Plauderstunde mit Olaf Ludwig & Thomas Barth im Untermhäuser Hotel Zwergschlösschen. Beide waren in ihrem Element. Gut dreieinhalb Stunden – unterbrochen von einem leckeren Abendessen – klebten die Besucher an den Lippen der Erzählenden.
Thomas Barth – mittlerweile 66 Jahre alt – hatte als Fußballer bei Motor Zeulenroda begonnen, ehe er im April 1972 als Zwölfjähriger über die Kleine Friedensfahrt zum Radsport fand. Die Siegerschärpe von damals hatte der Musketier-Fan mit nach Untermhaus gebracht. Olaf Ludwig, der sich auch beim Fußball und in der Leichtathletik versucht hatte, kam über die Friedensfahrt zum Rennrad. Als Karl-Heinz Oberfranz 1972 die Friedensfahrt-Etappe von Erfurt nach Gera für sich entschied und Olaf Ludwig unter den Zuschauern im bis auf den letzten Platz gefüllten Stadion der Freundschaft weilte, das als Zielankunft diente, da war dem gebürtigen Geraer und seinen Freunden klar: „Wir werden Friedensfahrer!"
Am Folgetag fuhren alle von Thieschitz auf die Radrennbahn, wo sie gleich beim ersten Training 20 Kilometer mit einem Rennrad - zu DDR-Zeiten ein Schatz - unterwegs waren. „Die anderen haben nach und nach aufgehört. Ich bin dabeigeblieben und dem Rausch der Geschwindigkeit erlegen", erinnerte sich Olaf Ludwig, der als junger Fahrer unter die Fittiche des zuvor in Karl-Marx-Stadt in Ungnade gefallenen Trainers Werner Marschner kam.
„Ich war 19, er war 60. Da war ich anfangs von vielen seiner Ideen nicht gerade begeistert. Wir waren nicht immer auf einer Wellenlänge", so der zweifache Friedensfahrt-Gesamtsieger. Als er zur Geburtstagsfeier des Trainers von seinen Vereinskameraden beauftragt wurde, ein Geschenk zu besorgen und seinem Zitate liebenden Coach mit dem Spruch verblüffte: „Freue Dich Deines Lebens, es ist schon später als Du denkst", rauften sich beide immer besser zusammen. Ein von beiderseitigem Respekt geprägtes Vertrauensverhältnis entwickelte sich. Selbst später als Profi holte er sich bei Werner Marschner - er verstarb 2009 kurz vor seinem 90. Geburtstag - noch so manchen trainingsmethodischen Rat.
Ein rasanter Aufstieg begann. Schon 1977 waren Olaf Ludwig und Thomas Barth in Österreich Junioren-Weltmeister in der 75 km-Mannschaftsverfolgung geworden, nachdem sie zuvor bereits bei den Jugendwettkämpfen der Freundschaft auf Kuba vor der Sowjetunion die Oberhand behalten hatten. Nach den ersten Etappensiegen von Olaf Ludwig bei der Friedensfahrt 1980 ging es weiter voran. Selbst auf der Berliner Winterbahn waren beide erfolgreich. „Wir waren Straßen-Bahn-Fahrer", erinnerte sich Thomas Barth und hatte die Lacher auf seiner Seite.
Bei der Friedensfahrt 1982 trumpfte das DDR-Team mächtig auf. Olaf Ludwig wurde Gesamtsieger. Erstmals nach 20 Jahren siegte die DDR unter Kapitän Thomas Barth auch in der Mannschaftswertung vor den „Roten" aus der UdSSR, mit denen man sich in den 1980er Jahren auf den Straßen des Friedens teilweise „kriegsähnliche" Auseinandersetzungen lieferte.
„Die offiziell propagierte Freundschaft stand meist nur auf dem Papier", erinnerte sich Thomas Barth und führte als Beispiel die Friedensfahrt 1988 an. Der Leipziger Uwe Ampler gewann, die DDR-Mannschaft holte sieben Etappensiege, vier davon Olaf Ludwig. Doch als es auf dem Schlussabschnitt auf die Berliner Karl-Marx-Allee ging, wo die versammelte DDR-Staatsführung auf der Tribüne stand, passierte das Malheur. Vladimir Pulnikov fuhr Olaf Ludwig vor der letzten Spitzkehre absichtlich ins Hinterrad, was dazu führte, dass der Geraer nicht in den Kampf um den Tagessieg eingreifen konnte, der an den Italiener Giovanni Fidanza ging. „Drei Tage später wurde das komplette Team nach Berlin gerufen und musste bei DTSB-Chef Manfred Ewald antanzen. Ich wurde als Kapitän als Schuldiger ausgemacht. Am Ende bekam jeder Sportler 1.000 DDR-Mark Prämie abgezogen. Aber das war uns am Ende egal. Viel wichtiger war, dass uns die begeisterten Zuschauer an den Straßen in Massen von Bischofswerda bis nach Berlin gefeiert hatten", so Thomas Barth.
Heute ist das Verhältnis ein ganz anderes. „Damals sollten wir Freunde sein und waren es nicht. Heute sollten wir es eher nicht sein und sind es", erklärte Olaf Ludwig, der an seine Freundschaft mit Dshamolidin Abdushaparov erinnerte, mit dem er sich sowohl als Amateur als auch später als Profi auf den Zielgeraden im Sprint manch harten Strauß ausgefochten hatte. „Heute wohnt er in Italien, war Gast meiner Hochzeit in Bulgarien im letzten Jahr. Wir verstehen uns sehr gut", berichtete der Geraer Ehrenbürger.
Nach gut dreieinhalb Stunden war die dritte Plauderstunde im Hotel Zwergschlösschen Geschichte. Selbst der 81-jährige Günter Eck, Geraer Volleyball-Urgestein und noch heute als Trainer aktiv, hatte viel Neues erfahren. „Was ihr hier erklärt habt, steht in keiner Zeitung. Dass man sich, wenn man eine Leistung erbringen will, im Leistungssport auch mal durchbeißen muss, dass habt ihr eindrucksvoll geschildert. Das war ein sehr gelungener Abend", freute er sich und ging mit seiner Frau zufrieden nach Hause.

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