Sport

„Jung und gersch“ - Wie Westvororte zu Geras Fußball-Nr. 1 wurde

Westvororte-Kapitän Tim Richter (r.) schirmt den Ball vor Geratals Louis Meyer ab. Foto: Jens Lohse

Erschienen am 08.07.2026| Jahrgang: NG 14/26

Von Jens Lohse

Gera (NG). Als es vor der Saison um die Absteiger aus der Fußball-Thüringenliga ging, zählte der TSV Gera-Westvororte zu den am häufigsten genannten Vereinen. Doch gelang dem Team vom Geraer Stadtrand am letzten Spieltag der Klassenerhalt. Wir unterhielten uns mit Westvororte-Kapitän Tim Richter:
Als Aufsteiger hat der TSV Gera-Westvororte den Thüringenliga-Klassenerhalt am letzten Spieltag geschafft. Was bleibt rückblickend von der Saison in Erinnerung?
Am Ende sind das vor allem der Glaube und die Mentalität der Mannschaft. Wir haben die ganze Saison über Rückschläge einstecken müssen, aber nie den Kopf hängen lassen. Gerade in den entscheidenden Momenten haben wir gezeigt, dass wir als Team zusammenstehen. Die letzten drei Spiele waren der Beweis dafür, was möglich ist, wenn jeder an das gemeinsame Ziel glaubt.
Warum hat es Westvororte so spannend gemacht?
Wir haben es sicher spannender gemacht, als es erforderlich gewesen wäre. Gerade in der Hinrunde haben wir gemerkt, dass wir als Aufsteiger mit einem niedrigen Durchschnittsalter in vielen engen Spielen noch dazulernen mussten. In entscheidenden Situationen hat uns die Erfahrung gefehlt. Dazu kamen die Verletzungen von wichtigen Stammspielern.
Drei Spieltage vor Schluss war der TSV noch Letzter. Eine Niederlage bei Wismut hätte den Abstieg bedeutet. Wie hat es Westvororte geschafft, das Steuer noch herumzureißen?
Das lag vor allem an unserem Zusammenhalt und unserer Mentalität. Wir wussten, dass wir die Qualität haben, in der Liga zu bestehen, auch wenn die Ergebnisse vorher oft nicht gepasst haben. Jeder hat an den anderen geglaubt. Wir haben uns gegenseitig immer wieder aufgebaut. Gerade weil wir eine Mannschaft sind, in der viele Jungs schon lange zusammenspielen und befreundet sind, haben wir unser Ziel nie aus den Augen verloren.
Der TSV Gera-Westvororte beweist, dass man mit Geraern und ohne Geld erfolgreich sein kann. Was macht den Verein so besonders?
Das Besondere an Westvororte sind die Verbundenheit, die hundertprozentige Identifikation mit dem Verein und der gemeinsame Weg, den wir gehen. Viele Spieler kennen sich schon seit Jahren, haben teilweise bereits beim JFC Gera im Nachwuchs zusammengespielt und tragen diese Verbindung jetzt im Männerbereich weiter. Die Kooperation zwischen dem JFC Gera und dem TSV Gera-Westvororte ist ein ganz wichtiger Baustein. Zudem wird die Vorstandsarbeit bei uns mit viel Ruhe und Weitsicht geleistet.
Gab es aus Ihrer Sicht Spieler, die sich in der Thüringenliga besonders weiterentwickelt haben?
Viele Spieler sind in dieser Saison vorangekommen, da die Thüringenliga nochmal ein anderes Niveau mit sich bringt. Unsere jungen Wilden haben enorm dazugelernt, weil sie in vielen engen Spielen Verantwortung übernehmen mussten. Gleichzeitig haben sich auch die Routiniers nicht weggeduckt, sondern sind vorangegangen und haben die jüngeren - egal ob im Training oder im Spiel - mitgenommen und unterstützt. Diese Mischung aus Mut, Entwicklung, Erfahrung und gegenseitigem Vertrauen war ein enorm wichtiger Faktor.
Welche Bedeutung hat es für Sie dass der TSV nun die Nummer eins der Stadt ist?
Das ist natürlich ein sehr schönes Gefühl und etwas, worauf wir als Verein stolz sein können. Vor ein paar Jahren hätte wahrscheinlich niemand damit gerechnet, dass der kleine TSV Gera-Westvororte einmal die höchstklassige Mannschaft der Stadt stellt. Dass wir als „Vorstädter" diesen Weg gehen konnten, zeigt, was alles möglich ist. Wir bleiben aber der kleine „Dorfverein" und wollen unseren Weg bodenständig weitergehen, ganz nach dem Motto „jung und gersch".
Mit Franz Hoffmann kehrt ein Spieler mit Potenzial von Wismut Gera ins Saarbachtal zurück. Wie beurteilen Sie den Wechsel?
Franz Hoffmann ist ein Spieler, der sehr gut zu uns passt. Nicht nur fußballerisch, sondern auch menschlich. Während seiner Zeit bei Wismut hat er nie den Kontakt zu uns verloren. Enge Freundschaften liefen weiter. Deshalb freue ich mich persönlich riesig, ihn wieder bei uns in der Mannschaft zu haben. Durch seine gesammelten Erfahrungen in Ober- und Thüringenliga kann er uns sportlich und menschlich weiterhelfen. Er bekommt die Möglichkeit, wieder mit seinen Freunden Fußball zu spielen und Verantwortung zu übernehmen.Hinzu kommt, dass er sehr variabel einsetzbar ist und unser Spiel dadurch noch einmal bereichern wird.
Wird sich am Kader für die neue Saison noch mehr ändern?
Wir wollen unseren eingeschlagenen Weg weitergehen und den Kern der Mannschaft zusammenhalten, was uns auch gelungen ist. Es geht nicht darum, jedes Jahr eine neue Mannschaft aufzubauen, sondern unsere Philosophie zu leben und den Kader punktuell zu verbessern. Mit Jermaine Reimann kommt noch ein Spieler dazu, der die Jugend beim JFC Gera durchlaufen und erste Erfahrungen im Männerbereich bei Eurotrink in der Landesklasse gesammelt hat. Nach seiner Kreuzband-OP wird er voraussichtlich erst in der Rückrunde der neuen Saison wieder eingreifen können, aber wir sind überzeugt, dass er uns mit seiner Qualität und seiner Art weiterhelfen wird.
Welche Rolle spielte die ruhige, konzentrierte Art von Trainer Daniel Geht an der Seitenlinie?
Daniel Gehrt verdient höchsten Respekt. Er hat die Mannschaft quasi allein geführt, ohne Co-Trainer, ohne festen Physio und dabei jederzeit den Überblick behalten. Auch in schwierigen Phasen hat er nie Unruhe aufkommen lassen, sondern einen klaren Plan verfolgt. Er hat den Glauben an uns selbst vorgelebt. Dieser hat sich auf die Mannschaft übertragen und uns in schwierigen Momenten getragen.
Jetzt stößt der eher impulsive Philipp Schlebe als Co-Trainer zum Staff. Treffen da nicht Feuer und Wasser aufeinander?
Ich sehe Philipp Schlebe als sehr gute Ergänzung. Daniel bringt seine ruhige, klare Art mit, Philipp viel Energie und Emotionalität. Beide kennen sich schon lange und Philipp hat in den letzten Jahren als Trainer viel Erfahrung gesammelt. Umso mehr freuen wir uns, dass er wieder zurückkommt und den Verein auf der Trainerbank unterstützt. Nicht nur als früherer Junioren-Bundesligaspieler, sondern auch menschlich ist er eine große Bereicherung für die Mannschaft und den gesamten Verein. Insgesamt verfügen wir nun über ein sehr gut abgestimmtes Trainerteam, das sich ideal ergänzt.
Wann beginnt die Vorbereitung?
Wir haben bereits am 28. Juni wieder mit dem Training begonnen. Die Pause war sehr kurz, weshalb es für mich weniger um komplette Erholung, sondern darum ging, den Körper wieder in einen guten Zustand zu bringen und kleinere Wehwehchen in den Griff zu bekommen. Jetzt geht es wieder los. Ganz so spannend wollen wir es diesmal nicht machen.

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