Kultur

Überraschende Sichtweisen

Den 13. Aenne-Biermann-Preis erhielt Alba Frenzel, hier mit einem ihrer Unikat-Fotogramme, die unter Verwendung von Eiern und diversen Belichtungen auf Fotopapier entstanden sind.

Erschienen am 11.10.2021

Pandemiebedingt um zwölf Monate verspätet, wurde in diesem Jahr der 13. Aenne-Biermann-Preis vergeben. Er ist einer von wenigen Preisen der Stadt, die bundesweit ausgelobt werden. Fotografie und Fotokunst stehen im Mittelpunkt dieses Wettbewerbes, der den Namen der Geraer Fotokünstlerin Aenne Biermann (1898-1933) trägt. 

Angelehnt an das autodidaktische Schaffen der Fotografin ist der Wettbewerb offen für alle Interessierte, angehende Künstlerinnen und Künstler sowie erfahrene Fotografinnen und Fotografen. Der Fotopreis wird gemeinsam von der Stadt Gera, der Kunst- und Kulturförderung der Sparkassenversicherung veranstaltet und vom Land Thüringen unterstützt. „Im Online-Bewerbungsverfahren wurden 60 gültige Bewerbungen mit 96 Einzelserien berücksichtigt und einer anonymen Vorauswahl unterzogen", berichtet Kuratorin Julia Ortmeyer. Ab sofort können die Siegerarbeiten im Museum für Angewandte Kunst Gera (MAK) betrachtet werden. 

Den 13. Aenne-Biermann-Preis der Stadt Gera, dotiert mit einem Preisgeld von 3.000 Euro, geht an Alba Frenzel aus Stuttgart. Ihre Werke sind geprägt durch eine unkonventionelle Herangehensweise mit starker Abstraktion. Sie erweitert die Fotografie teilweise um ganz andere Medien. „Ich beschäftige mich gern mit Dingen, die weniger Betrachtung finden in der Gesellschaft, die mit der Zeit an Bedeutung verloren haben oder durch Neues ersetzt wurden", erklärt die junge Künstlerin. Gleich im Foyer der Ausstellung in der zweiten Etage des Museums liegen schwarz-weiße Laserdrucke aus. Entstanden sind die Fotos ihrer Serie „Aus erdgeschichtlicher Sicht" in italienischen Eisdielen, wobei Alba Frenzel im Speiseeis geomorphologische Formationen wie Berge, Gesteine, Lava oder Schlamm entdeckte und so Parallelen zur Erdgeschichte zog. Sie bezeichnet sich selbst als „Artenforscherin". Art bedeutet im Englischen Kunst. Sie sieht Gegebenheiten, Erscheinungen und Phänomene als eine andere Sicht auf Elemente. Auf kleinen Postkarten zeigt sie Fehler, die sie in Fotografien entdeckte und extrem vergrößerte. Insgesamt 276 derartige Motive hat sie zusammengetragen. Dabei handele es sich um Fusseln auf dem Objektiv, Entwicklungsfehler oder sonstige Ausschlusskriterien für Fotografen. Weiterhin wurden ihre Fotogramme, von denen ein Unikat in der Ausstellung zu sehen ist, in die Entscheidung der Jury einbezogen. Entstanden sind sie im Labor mit Eiern, Fotopapier und Licht. Die Jury beeindruckte in ihren Arbeiten die ungewöhnliche Herangehensweise an das Material, den künstlerischen Prozess und die Präsentation der Arbeiten. 

Der zweite Preis geht an Julian Slagman (Hamburg) für seine Bruderreportage „Mats". 

Drittplatzierte ist Daniela Friebel (Berlin) mit ihrer Werkserie „Auspicia". Jeweils eine Anerkennung erhalten Uli Kaufmann (Berlin), Annette Rausch (Berlin), Michael Romstöck (Essen) und Ulrike Hannemann (Berlin). Oftmals sind die Geschichten hinter den Bilderserien für das Verständnis des Gezeigten unumgänglich. In jedem Ausstellungsraum sind daher Informationen über die Werke und die Künstlerinnen und Künstler zum Lesen und Mitnehmen hinterlegt. So berichtet Daniela Friebel von ihrem Aufenthalt im Dezember 2016 in Rom. Sie ging über den größten und ältesten Friedhof der Stadt, den Camp Verano. Bedingt durch den Klimawandel überwintern nordeuropäische Stare in Rom, anstatt weiter nach Afrika zu ziehen. Die Künstlerin bewunderte das Schauspiel, wenn sich zum Sonnenuntergang hunderttausende Vögel auf dem Friedhof niederlassen. Allabendlich überziehen die Stare den Friedhof mit Tonnen öligen Starenkots. Die Skulpturen und Grabsteine sind daher mit Plastikfolie abgedeckt. Durch die Folie entstehen teils bizarre Skulpturen, die eine eigene Schönheit entwickeln. Ihre Erlebnisse und Emotionen hat sie in Fotos und Texten festgehalten. Der Ausstellungsraum von Daniela Friedel wird sicher zu einem Besuchermagnet werden. 

Ganz persönliche und private Eindrücke lässt Annette Rausch zum Ausstellungsthema werden. Mit „C50.9G", der Code für Brustkrebs, ist ihre Serie überschrieben. Mit dieser Diagnose erfuhr ihr Leben einen radikalen Wandel. Während 16 Chemotherapien, 2 Operationen und 28 Bestrahlungen war ihr Körper in steter Veränderung. „Ich habe all diese Veränderungen im Bild festgehalten. Dabei entstanden viele Details, die wiederum abstrakt wirken, Notizen in einer bestimmten Weise. Für mich war es die Möglichkeit genau hinzugucken, aber auch durch die Fotografie eine gewisse Distanz zu entwickeln. Die Serie ist meine subjektive, ungeschminkte Sicht als Betroffene", erklärt die Künstlerin. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. November im Museum für Angewandte Kunst Gera zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. 

Von Wolfgang Hesse

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