Politik

„Die Wahrheit muss ans Licht, um die Zukunft gestalten zu können“

Günther Rehbein verbrachte fünf Jahre im Gulag – zu Unrecht verurteilt auf 25 Jahre Arbeitslager. Seine Seele ist mit schwarzen Flecken übersät. Nicht nur einmal schlug das Böse zu. Bis heute übermannen ihn die Erlebnisse seiner Vergangenheit. Günther Rehbeins Leben ist von Leid und Elend geprägt. Geboren 1933 in Gera, begann er nach der Schule eine Lehre als Maler, die er jedoch nicht zu Ende bringen konnte. Sein Lehrbetrieb wurde geschlossen.

Erschienen am 29.01.2021

Mit 18 Jahren wird er das erste Mal heiraten. Zu dieser Zeit glaubt er noch, dass er gemeinsam mit seiner Frau, die bereits sein erstes Kind unter dem Herzen trägt, ein erfülltes und zufriedenes Leben führen würde. Damit es seiner Familie an nichts mangelt, entschloss er sich nach Westberlin zu fahren, um dort Lebensmittel einzukaufen. Das zweite Kind war bereits unterwegs. „Wir hatten noch keine Mauer, aber auch kein Essen. In Westberlin gab es alles, hier nichts. Ich wollte meiner Familie und mir eine gute Zukunft aufbauen. Ich fing an, kritisch zu hinterfragen", erinnert er sich zurück. 

Dass Günther Rehbein kritisch über die Reparationszahlungen der DDR an die Sowjetunion und die schlechte Versorgung der DDR Bevölkerung sprach, wurde ihm zum Verhängnis. Im August 1952 wurde er verhaftet. „Damals habe ich beim Modedruck gearbeitet, dann kamen sie. Zwei Männer, sie schnappten mich und schleppten mich zur Geraer Kommandatur des NKWD (sowjetische Volkskommissariat für innere Angelegenheiten). Ich wurde als Spion deklariert und wurde in das Gefängnis Amthorpassage eingesperrt", erzählt Rehbein aus seiner Vergangenheit. Wenn er darüber spricht, sagt er mit klarer Vehemenz: „Das ist nicht die Wahrheit, ich bin kein Spion." Dieser Tag wird sein Leben für immer verändern, er wird sich des Öfteren den Freitod wünschen. Seine Ehefrau und Kinder werden nie erfahren, was mit ihm passiert ist. 

Bereits einen Tag später wurde er nach Berlin-Karlshorst in die Hauptschaltzentrale der NKWD überführt. „Wir alle nannten es Klein-Moskau." Über mehrere Tage gefoltert, um ein Geständnis zu entlocken, spürte Günther Rehbein eines Tages die Pistole am Rücken und die Drohung seiner schwangeren Frau und dem Kind etwas anzutun. Er unterschrieb das Geständnis. „Ich hatte mir den Tod gewünscht." Erneut überführt nach Chemnitz, wurde Günther Rehbein von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt. Das vorgefertigte Urteil wurde ohne Anhörung des Angeklagten und unter Ausschluss der Öffentlichkeit erlassen: „Für Spionage 15 Jahre, für antisowjetische Hetze 10 Jahre und für versuchte Diversion 20 Jahre Zwangsarbeitslager." 45 Jahre, die dann auf 25 Jahre herabgesetzt wurden. 

Von August bis November war er in Einzelhaft. „Mein Leben war vorbei." Ende des Jahres 1952 kam er mit anderen Menschen, u.a. Bauern, die nicht zur LPG wollten, in ein Gemeinschaftsgefängnis. Von dort aus ging es Anfang 1953 in die sowjetische Straflagerregion Workuta am Nordende des Uralgebirges in Russland. „Wir wurden wie Tiere transportiert, über Stunden ohne Pause, von Chemnitz nach Berlin zum Bahnhof. Das Jahr 1953 war ein sehr kaltes Jahr, es lag Schnee. Mehrere Tage waren die Gefangenen unterwegs. „Ich kam in das Lager Nummer 29, 60 Deutsche waren hier. In jedem Lager waren bis zu 3.500 Menschen untergebracht. Es war unsere Aufgabe Kohle abzubauen, für ganz Leningrad, bei Minus 55 Grad. Es war Siegert Binski, der mir das Leben gerettet hat. Er sprach mir Mut und Zuversicht zu."

 Wenn Günther Rehbein über diese Zeit spricht, ist seine Stimme zittrig, seine Augen gläsern. 

Am 5. März 1953 stirbt Stalin. Hoffnung keimte in Günther Rehbein auf, nach Hause zurückkehren zu können. „Ich hatte Hoffnung, dass sie an uns denken, doch nichts geschah. Wir haben gestreikt, aber nach zwei Tagen wieder angefangen zu arbeiten, da uns das Essen entzogen wurde. Wir haben erneut gestreikt, sechs Tage lang. Eine Delegation aus Moskau kündigte sich an. Wir mussten antreten. Doch sie haben uns nicht befreit, es gab lediglich ein paar Vergünstigungen. Nachdem die Delegation wieder abreiste, fingen unsere Vorgesetzten an, auf uns zu schießen." Günther Rehbein erlebte, wie viele seine Kameraden während des Häftlingsaufstandes in Workuta im Sommer 1953 erschossen wurden. 

Wenn Günther Rehbein davon erzählt, steht er auf, steht er stramm und erzählt von den Schüssen. Bis heute sind sie in seinem Ohr, treffen ihn noch immer tief in seiner Seele. Er weint. 

Weitere lange zweieinhalb Jahre mussten vergehen, bevor er kurz vor Weihnachten 1955 wieder nach Deutschland kam. Erst nach den Gesprächen zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Parteichef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, änderte sich seine Lage. Er wurde vor die Wahl gestellt in die Bundesrepublik oder zurück in die DDR zu gehen. Er entschied sich für seine Heimatstadt Gera, wo seine Frau mit den Kindern und seine Großeltern lebten. Drei Jahre lang hatte er keinen Kontakt zu seiner Familie. Auch sie wussten nicht, was mit ihm passiert ist. In der Anfangszeit schrieb seine Ehefrau zahlreiche Briefe, stets mit der Bitte, Auskunft über ihren Mann zu erhalten. 

„Möchte Sie hiermit um eine klare und deutliche Antwort bitten. Mein Mann Günther Rehbein ist seit dem 6. August 1952 von der Arbeit aus verhaftet worden. Bis heute ist mir jede Nachricht verheimlicht worden. Ich bin Mutter von zwei kleinen Kindern im Alter von einem Jahr und sieben Monaten und eines von fünf Monaten. (...) Ich möchte Sie nun fragen, warum ich keine Antwort von meinem Mann bekomme. Schließlich ist er kein Schwerverbrecher und ich könnte mir bis heute nicht denken, was er gemacht haben soll. Ich wäre schon beruhigt, wenn ich wenigstens wüßte, wo er wäre". (Auszug aus dem Brief seiner Frau vom 23. Juni 1953.) 

Während Günther Rehbein voller Freude und Zuversicht 1955 nach Gera zurückkehrte, um seine Ehefrau und seine Kinder in die Arme schließen zu können, schlug erneut das Schicksal zu. „Meine Großeltern nahmen mich am Bahnhof in Empfang und versuchten mir schonend beizubringen, was in den letzten drei Jahren in Gera passiert ist. Meine Ehefrau war neu verheiratet, sie glaubte, ich sei tot." Wenngleich Günther Rehbein glaubte, er habe das Schlimmste in seinem Leben nun hinter sich gelassen, sollte sein Leben nie mehr ohne Leid und Elend sein. Günther Rehbein wurde fortan zum Klassenfeind. Er durfte nicht über das Erlebte reden. Er sollte vergessen. Lediglich als Hilfsarbeiter durfte er tätig werden. Der Kontakt zu seinen Kindern wurde ihm gerichtlich untersagt, mit der Begründung er könne sie nicht zu sozialistischen Persönlichkeiten erziehen. Nur eine Woche nach seiner Heimkehr wurde er von der Staatssicherheit aufgesucht und zur Zusammenarbeit gedrängt. „‚Raus', schrie ich. Ich werde nicht zum Verräter", mit diesen Worten wehrte er sich. Sie haben ihm gedroht, wenn er weiter über seine Vergangenheit sprechen würde, er zur Rechenschaft gezogen werde.

In dieser Zeit heiratete er erneut und bekam zwei weitere Kinder. 1968 wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt und war im berüchtigten Bautzner Gefängnis „Gelbes Elend". „Sie hatten endlich einen Grund gefunden, mich wieder einsperren zu können. Einer der Männer, die mich 1952 in die Geraer Kommandatur der NKWD gebracht hatten, traf mich auf der Straße und sagte zu mir ketzerisch: ‚Dass Sie noch leben.' In diesem Moment schlug ich auf ihn ein. Sie hatten mich." Nach vier Jahren Bautzen fing ich an zu trinken, Tag für Tag. „Ich lernte meine künftige dritte Frau kennen. Sie war zum damaligen Zeitpunkt noch verheiratet und 19 Jahre älter als ich. Doch sie rettete mich. Sie rettete mich aus dem Strudel, in den mich der Alkohol zog. Günther Rehbein war dreimal verheiratet und hat vier Kinder. 

Seine Tochter Christine lernt er erst 56 Jahre später kennen. Sie hat ihn im Fernsehen gesehen und anschließend Kontakt aufgenommen. Von 1955 bis 1993 war Günther Rehbein kein Einwohner Geras. „Offiziell habe ich nicht in Gera gewohnt." Am 15. November 1993 erhält er ein Schreiben der Stadt mit dem Wortlaut: „Hiermit bestätigen wir Ihnen, dass Sie von 1955 bis jetzt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR bzw. Berlin (Ost) gemeldet gewesen sind (waren)." Am 6. Juni 1995 wird er von der Obersten Militärstaatsanwaltschaft, der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Förderation rehabilitiert. Bis heute kämpft Günther Rehbein dafür, dass die Wahrheit aufgearbeitet wird. „Die jungen Menschen müssen die Wahrheit erfahren, sie gestalten unsere Zukunft. Sie müssen wissen, was passiert es. Es darf nicht ausgeklammert werden. Bodo Ramelow erklärte die Aufarbeitung des DDR-Unrechts zur Chefsache, doch bis heute ist nichts passiert", mahnt er an. Als Autor des Buches „Gulag und Genossen. Aufzeichnungen eines Überlebenden" fährt er als Zeitzeuge und Referent jedes Jahr mehrere tausend Kilometer durch Deutschland, um von seinem Schicksal zu erzählen.    

Fanny Zölsmann

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