Sport

Wird Jena das zweite Magdeburg?

Der 57-jährige Sven Müller erinnert sich an den FDGB-Pokaltriumph der Weidaer Fortschritt-Elf gegen den 1. FC Magdeburg vor gut 35 Jahren. Foto: Jens Lohse

Erschienen am 14.11.2022

Von Jens Lohse 

Weida (NG). „Trainer Lutz Lindemann hat mich vor dem Elfmeterschießen angeschaut und ich habe seinen Blick gemieden. Ich habe mich nicht getraut. Meine Mutti hat am Spielfeldrand an ihren Fingernägeln geknabbert. Und doch ging alles gut. Thomas Lauke verwandelte den entscheidenden Schuss und wir hatten den 1. FC Magdeburg aus dem Pokal geworfen", erinnert sich Sven Müller. 

Der heute 57-Jährige stand die gesamten 120 Minuten auf dem Platz. Es war wohl die größte Stunde in der Geschichte des Weidaer Fußballs trotz des Thüringer Meistertitels 2022. Am 31. Oktober 1987 empfing der DDR-Liga-Aufsteiger BSG Fortschritt Weida in der 2. Runde des FDGB-Pokals die Magdeburger, die sich gut 13 Jahre zuvor als einziger Verein aus dem Osten Deutschlands einen Europacup gesichert hatten. In Runde eins hatten die Osterburgstädter beim 3:0 gegen Stahl Riesa nach Toren von Thoralf Engling, Uwe Heinzelmann und Thomas Lauke schon einen Oberligisten eliminiert. 

Sven Müller war erst nach dem Liga-Aufstieg 1987 zur BSG Fortschritt Weida gestoßen. Als gebürtiger Erzgebirgler hatte er in Groitzsch bei Leipzig mit der Jagd nach dem runden Leder begonnen und in den Nachwuchs-Abteilungen von Lok Leipzig und Chemie Böhlen das Fußball-Abc vermittelt bekommen. In Böhlen und später auch bei der TSG Chemie Markkleeberg kam der Linksverteidiger aber nicht über die Reservistenrolle hinaus und suchte nach einer neuen sportlichen Herausforderung, die er in Weida fand. Entgegen kam ihm eine Regel, die damals von den DDR-Ligisten forderte, dass immer drei U 23-Kicker auf dem Platz stehen mussten. Trainer auf dem Roten Hügel war Ex-Nationalspieler Lutz Lindemann. „Er war wohl mein bester Trainer. Man merkte sofort, dass man es mit einer Persönlichkeit zu tun hatte", charakterisiert Sven Müller seinen damaligen Coach. 

Zweimal am Tag wurde in Weida trainiert. Es herrschten Profi-Bedingungen. „Ich hatte anfangs noch keine Wohnung, war deshalb in der Lederwerk-Villa untergebracht. Da war es schon beeindruckend, als die ersten Fans schon zum Sportplatz zogen, als man selbst noch beim Frühstück war", erinnert er sich. Das Spiel gegen Magdeburg erfreute sich einer besonderen Aufmerksamkeit. Eigentlich sollte die Begegnung auch in der samstäglichen „Sport aktuell"-Sendung - der Sportschau des Ostens - im Fernsehen übertragen werden, doch gab es Probleme mit der Stromversorgung der Kamera auf dem Dach des Stadiongebäudes, weshalb es keine bewegten Bildern von der Pokalsensation gibt. 2800 Zuschauer pilgerten auf den Roten Hügel. „Ich weiß gar nicht, wo die alle gestanden haben sollen", sagt Sven Müller heute. 

Weida begann mit Runkewitz im Tor, Frank Wengler, Hoffmann, Müller, Lauke, Delling, Hache, Heinzelmann, Bickel, Haubold und Jürgen Tucholka. Bei der Erwärmung soll der Überlieferung zufolge Magdeburgs DDR-Rekordnationalspieler Achim Streich seinem Trainerkollegen Lutz Lindemann noch versichert haben, dass sein mit sechs Auswahlkickern gespicktes Team die Weidaer nach deren Vorstellung gegen Riesa auf keinen Fall unterschätzen würde. 

Doch es kam anders. Weida ging durch Steffen Haubold früh in Führung. Haubold war erst am Montag vor dem Spiel aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls von Volker Wengler aus Plauen zur Fortschritt-Elf gestoßen und traf gleich nach sechs Minuten ins Schwarze. Postwendend glich Magdeburg durch Markus Wuckel aus (7.). Weida antwortete prompt. Andreas Bickel - aus dem Jenaer Nachwuchs hervorgegangen - erzielte ein Traumtor zum 2:1 (16.). Nachdem Damian Halata per verwandeltem Elfmeter das 2:2 erzielt hatte (36.), beruhigte sich das Spiel etwas. Der 1. FC Magdeburg hatte mehr vom Spiel, doch ließ sich Keeper Thomas Runkewitz nicht mehr überwinden. So musste die Entscheidung im Elfmeterschießen fallen, für das mit Frank Pohland elf Minuten vor Schluss ein weiterer Ur-Weidaer extra eingewechselt wurde. Die Gäste legten stets vor. Bis zum 8:8 zeigte kein Schütze Nerven. Dann meisterte Runkewitz den Versuch von Rolf Döbbelin und Thomas Lauke machte den Sack mit dem folgenden Schuss zu. Der Jubel kannte keine Grenzen. 

Anschließend erhielten die Weidaer in der Kabine prominenten Besuch. „DDR-Nationaltrainer Bernd Stange hat uns persönlich zu unserer Leistung und zum Weiterkommen gratuliert und uns einen Satz weißer Fußballstutzen mit Füßlingen geschenkt. So etwas gab es damals nicht", erinnert sich Sven Müller noch genau. 

Drei Tage zuvor hatte die DDR-Auswahl unter Stange mit den Magdeburgern Dirk Stahmann und Detlef Schößler Norwegen in der EM-Qualifikation mit 3:1 bezwungen. Parallel hatte die Olympia-Auswahl in Bulgarien mit den FCM-Kickern Dirk Heyne, Axel Wittke und Damian Halata mit 2:0 die Oberhand behalten. 

Am 19. November wollen die Weidaer Fußballer, nun als SG Thüringen Weida unterwegs, die nächste Pokal-Sensation erzwingen. Um 13 Uhr empfangen sie im Viertelfinale des Thüringer Landespokals auf dem Roten Hügel den Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena. Ob die Saalestädter zum zweiten Magdeburg werden, wird sich zeigen. Parallel empfängt die BSG Wismut Gera im Stadion der Freundschaft den NOFV-Oberliga-Vertreter FSV Wacker 90 Nordhausen. Auch die Orange-Schwarzen rechnen sich gegen die favorisierten Gäste Chancen aus. Der geneigte Fußballanhänger muss sich leider entscheiden, welche Begegnung er anschauen wird.

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