Zwei Schulen unter einem Dach
Unter dem Dach des Liebegymnasium lernen derzeit Schüler zweier verschiedener Schulgemeinschaften. Fotos: Leo Patzelt
Von Leo Patzelt Gera (NG). Seit Beginn des Schuljahres 2025/26 teilen sich das Zabel-Gymnasium und das Karl-Theodor-Liebe-Gymnasium ein Schulgebäude. Was zunächst wie eine organisatorische Maßnahme wirkt, verändert den Alltag von mehreren hundert Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften spürbar. Zwischen vollen Fluren, neuen Begegnungen und organisatorischen Herausforderungen zeigt sich, wie zwei Schulgemeinschaften mit einer außergewöhnlichen Situation umgehen.
Ursache für die Integration sind die baulichen Maßnahmen am zweiten Schulgebäude des Zabelgymnasiums, der Schillerschule in der Kurt-Keicher-Straße 12. Das historische Gebäude, in dem bisher die Klassenstufen 5 bis 8 unterrichtet wurden, konnte aufgrund von Einsturzgefahr nicht weiter genutzt werden. Um den Unterricht weiterhin gewährleisten zu können, wurden die betroffenen Klassen im Liebegymnasium untergebracht.
Für den Unterricht nutzt das Zabelgymnasium nun einen Teil des Altbaus des Liebe-Gymnasiums. Darüber hinaus werden verschiedene Bereiche der Schule, wie Fachräume oder das Sportgelände, gemeinsam genutzt. Trotz zahlreicher organisatorischer Anpassungen zeigt sich im Alltag immer wieder, dass das Gebäude nicht für den gleichzeitigen Betrieb zweier Schulen ausgelegt war. Besonders auffällig ist der unterschiedliche Tagesablauf beider Schulen. Während die Schülerinnen und Schüler des Zabelgymnasiums ihren Unterricht wie gewohnt bereits um 7:45 Uhr beginnen, startet der Unterricht am Liebegymnasium weiterhin regulär um 8:00 Uhr. Dadurch unterscheiden sich auch die Pausenzeiten. Die Regelungen sollen den Schülerinnen und Schülern des Zabelgymnasiums ermöglichen, ihren gewohnten Schulrhythmus beizubehalten.
Einen besonderen Einblick in die Situation bietet die Perspektive des Schulleiters des Liebegymnasiums, Ralf Zöller. Für ihn war die Aufnahme der Zabel-Schüler von Beginn an nicht nur eine organisatorische Frage, sondern auch eine Frage der Verantwortung gegenüber allen Schülerinnen und Schülern der Stadt. „Das Karl-Theodor-Liebe-Gymnasium befindet sich dank des Neubaus heute in einer komfortablen Situation", erklärt Ralf Zöller. Gute Lernbedingungen sollten nicht ausschließlich den Schülerinnen und Schülern seiner Schule zugutekommen, sondern allen Kindern und Jugendlichen in Gera. Aus diesem Gedanken heraus habe er die Bereitstellung von Räumen für das Zabelgymnasium von Anfang an unterstützt.
Vor allem Lehrkräfte des Liebegymnasiums berichten von den praktischen Folgen der Integration. Die Planung von Räumen und Unterrichtszeiten sei deutlich komplizierter geworden. Mehrere Lehrkräfte weisen darauf hin, dass das erhöhte Verkehrsaufkommen vor und nach dem Unterricht die ohnehin angespannte Verkehrssituation zusätzlich verschärft. Auch die Auslastung des Schulgebäudes wird häufig angesprochen. Es ist nicht zu übersehen, dass sich inzwischen deutlich mehr Menschen im Gebäude aufhalten als zuvor.
Schulleiter Ralf Zöller sieht die Ursachen dieser Herausforderungen vor allem im Aufeinandertreffen zweier Schulgemeinschaften. Unterschiedliche Schulkulturen, Verhaltensweisen und Tagesabläufe müssten miteinander vereinbart werden. Gelegentlich erschwerten auch „Rivalitäten" zwischen Schülerinnen und Schülern den Alltag. Trotz dieser Schwierigkeiten zieht er ein positives Zwischenfazit: „Wir haben diese Situation im Griff."
Ähnliche Eindrücke schildern viele Schülerinnen und Schüler des Liebegymnasiums. Die Flure seien voller geworden und die Pausen lauter als zuvor. Einige empfinden die Situation als belastend. Gleichzeitig gibt es aber auch positive Stimmen. Ein Schüler berichtet, dass man viele neue Menschen kennenlernt und häufiger mit Gleichaltrigen der anderen Schule in Kontakt kommt. Für viele hat die Integration neue Begegnungen ermöglicht und bestehende Freundschaften gestärkt. „Man kann Freunde treffen, die eigentlich auf eine andere Schule gehen", fügt ein weiterer Schüler hinzu.
Auch auf Seiten des Zabelgymnasiums wird die Situation unterschiedlich bewertet. Viele Schülerinnen und Schüler loben das Schulgebäude und die technische Ausstattung. Andere sehen die Veränderungen kritischer. Neue Schulwege, veränderte Abläufe und die Orientierung in einem ungewohnten Umfeld hätten zunächst eine Umstellung bedeutet. Gleichzeitig betonen viele, dass sie ihre eigene Schule vermissen, sich aber zunehmend an die neue Situation gewöhnen.
Die Lehrkräfte des Zabelgymnasiums bemühen sich ebenfalls, die Situation möglichst positiv zu gestalten. Viele zeigen sich dankbar für die Unterstützung durch das Liebegymnasium. Zudem wird hervorgehoben, dass die Anpassung insgesamt besser verlaufe als ursprünglich erwartet. In einigen Bereichen, insbesondere im Sportunterricht, konnten bereits bestehende Erfahrungen genutzt werden, wodurch sich Abläufe schneller eingespielt haben.
Neben den Herausforderungen bietet die Zusammenlegung auch Chancen. Lehrkräfte beider Schulen arbeiten heute enger zusammen als zuvor, tauschen Erfahrungen aus und entwickeln gemeinsame Lösungsansätze. Auch für die Schülerinnen und Schüler entstehen neue Möglichkeiten, Freundschaften zu schließen und andere Perspektiven kennenzulernen. Darüber hinaus sieht Schulleiter Zöller auch einen finanziellen Vorteil der Übergangslösung. Durch die gemeinsame Nutzung bestehender Gebäude hätten erhebliche Mittel eingespart werden können, die künftig anderen Schulbau- und Sanierungsprojekten in Gera zugutekommen könnten.
Für viele Beteiligte steht jedoch fest, dass die derzeitige Situation eine Übergangslösung bleiben soll. Die laufenden Sanierungsarbeiten am Schiller-Haus werden daher mit großem Interesse verfolgt. Ralf Zöller, der selbst viele Jahre als Lehrer dort tätig war, bezeichnet die Modernisierung des Gebäudes als längst überfällig und zeigt sich erfreut über die Fortschritte der Bauarbeiten.
Trotz aller Herausforderungen zeigt die Zusammenlegung, dass Schulen in schwierigen Situationen zusammenarbeiten und gemeinsame Lösungen finden können. Für viele Beteiligte ist die aktuelle Situation zwar weiterhin ein Provisorium, doch inzwischen hat sich ein funktionierender Alltag entwickelt.
Mit Blick auf die Zukunft erklärt Schulleiter Ralf Zöller: „Trotz aller Kooperation freuen wir uns natürlich darauf, dass das Liebegymnasium bald wieder ausschließlich unsere Schule ist und die Zabelianer in ein modern saniertes, zukunftsfähiges Schulgebäude zurückkehren können."
Bis dahin werden Kompromissbereitschaft, Flexibilität und gegenseitige Unterstützung den gemeinsamen Schulalltag weiterhin prägen.