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30 Jahre Neues Gera

30 Jahre Neues Gera - Unabhängig, überparteilich, heimatverbunden. Gespräch mit Dr. Harald Frank, Herausgeber und Redaktionsleiter der Zeitung Neues Gera, die ihren 30. Gründungstag begeht. Der Chef Harald Frank mit einem neuen Aufsteller des gefragten Produkts. Foto: Erika Baumann

Erschienen am 20.07.2023

Von Harald Baumann 

Die in Gera und Umgebung erscheinende Zeitung Neues Gera begeht demnächst den 30. Jahrestag ihres Bestehens. Wie kam es dazu? 

Am Anfang stand der Zeugungsakt. Wir hatten nach der Wende bei unserem Unternehmen Gebrüder Frank die ersten Satzungen für jeden Haushalt in Gera gedruckt, als Broschüre mit Postversand. Viel zu teuer. Dann vergab die Stadt das Amtsblatt an einen Kronacher Verleger, der sich offensichtlich im „Wilden Osten" von alten Schulden befreien wollte. Wie viele andere ist auch er gescheitert. Ab dem 1. Juli 1993 übertrug uns die Stadt die Verantwortung für die Herausgabe des „Amtsblatts der Stadt Gera – mit den Öffentlichen Bekanntmachungen der Stadt", so der volle Titel mit großem Stadtwappen und fairer Bezahlung. Beide Seiten waren froh, dass es klappte. Seit damals ist Neues Gera unabhängig und an keinen Konzern gebunden erschienen. 

Das Äußere des Blattes trägt die Handschrift des großartigen Geraer Künstlers Eberhard Dietzsch. Zufall oder Absicht? 

Nach dem Zusammenbrechen durch die Wende 1989/90 mussten sich auch in unserem Gewerbe neue Strukturen etablieren. Wir haben als Druckerei viel mit Eberhard Dietzsch gemacht. „Eb" war ein grafischer Künstler, wir ein grafischer Betrieb. Um einen neuen Zeitungstitel auf den Markt zu bringen, brauchte es ein verbindliches Layout und einen stimmigen Titel. Der Titel Neues Gera stammt von Dietzsch, die Brotschrift Minion von mir, die fette Fraktur für den Titel war die Verbindung von Moderne und Tradition. 

Worin sehen Sie den Sinn und Zweck Ihrer Wochenzeitung, die für den Leser kostenlos ist, aber nicht für den Herausgeber?

Der ursprüngliche Zweck war die Veröffentlichung der städtischen Bekanntmachungen im Amtsblatt der Stadt Gera. Der Sinn eines Unternehmens ist immer Gewinn zu erzielen, um eingebrachtes Kapital zu verzinsen und Arbeitsleistungen zu vergüten. Das Modell „anzeigenfinanzierte kostenlose Wochenzeitung" haben nicht wir erfunden. Wir müssen alles über den Anzeigenerlös erwirtschaften. Und dann kommt zum gewerblichen Zweck ein verlegerischer Sinn. Wenn man merkt, dass außer dem Transport von gedruckten Anzeigen Sympathie und Wertschätzung der Zeitung entgegengebracht werden, sucht man – suche ich – dieses Profil zu betonen. In echter Gemeinschaftsarbeit von Verlag, Redaktion und Druckerei gelang und gelingt es uns so immer besser, für den Leser und unsere Geschäftspartner ein echtes Heimatblatt zu schaffen, welches das lokale und regionale Geschehen in und um Gera auf vielfache Weise widerspiegelt und dabei Kritikwürdiges nicht ausspart. Des weiteren glauben wir auch verbuchen zu können, dass wir die Heimatgeschichte vielseitig darstellen. 

Wem gebührt Ihrer Meinung nach Dank und Anerkennung für 30 Jahre des Mühens um Lesbarkeit und Akzeptanz der Zeitung?

Dank gebührt zunächst dem Starter-Team, also den Geburtshelfern: Reinhard Schubert, Eberhard Dietzsch, Wolfgang Herold, Brigitte Graslaub. Später kamen Doris Heuschkel und Sigrid Walther hinzu. Bei den Anzeigenberatern gab es eine größere Fluktuation. In der Redaktion waren die Veränderungen sparsam. Nach Reinhard Schubert folgten Christine Schimmel und Benjamin Schmutzler, dann Fanny Zölsmann und jetzt Jens Lohse. Das Team wird seit Jahren komplettiert durch Manja Prager-Kahnt. Darüber hinaus haben wir treue, freie Mitarbeiter: Harald Baumann, Wolfgang Hesse, Reinhard Schulze, Manfred Malinka, für die Karikaturen Bernd Zeller, des weiteren zahlreiche Heimatforscher und Naturfreunde wie zum Beispiel Ronald Knoll. Zu danken ist auch allen Setzern, Bildbearbeitern, Korrektoren, Layoutern von Gebrüdern Frank sowie den Druckern und der Leitung unserer beiden Zeitungsdruckereien: das Druckhaus des Nordbayerischen Kuriers in Bayreuth und die frühere Union-Druckerei in Weimar, jetzt Schenkelberg in Nohra. Den ganz besonderen, ja krönenden Dank, widme ich unseren Kunden, Förderern und neuerdings auch Abonnenten. Ohne sie keine freie Presse! Möge uns das Betteln der Großkonzerne erspart bleiben! Staatsknete bedeutet Staatsnähe, bedeutet Staatsabhängigkeit, bedeutet Staatshörigkeit. 

Wie hat sich das Blatt entwickelt? 

Wir hatten 1993 einen erfolgreichen Start, Aufbruchstimmung allenthalben. Es gab mehrere Wochenzeitungen in Gera, eine davon seit Anfang an als Auslage im „Stummen Diener". Viele brauchten Werbung, um den Platz in der aufspringenden Marktwirtschaft zu finden und zu behaupten. Wir haben Glück gehabt, so dank günstiger Kostenstruktur, geringerer Gewinnerwartung, Familienunternehmen vor Ort. In der Spitze hatten wir eine Auflage von 80.000 Zeitungen, davon 58.000 in Gera. Verteilt wurde auch in Bad Köstritz, Ronneburg, Wünschendorf, Weida und Münchenbernsdorf. Wir hatten im Verlag das Veranstaltungsmagazin „Wohin in Gera", die Titel „Blickpunkt Langenberg-Aga", „Blickpunkt Zwötzen-Liebschwitz", die IHK-Zeitschrift, das Amtsblatt des AWV und des Zweckverbandes Wasser/Abwasser, das Landkreisjournal Greiz, die Arcaden-Zeitung und verschiedene Taschenfahrpläne und Broschüren für Veranstaltungen und Ausstellungen. Dazu einige lokale Buchprojekte, weil wir uns über den Verlag Aufträge in die Druckerei beschaffen wollten. Doch nichts hat ewigen Bestand. Gera hat Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen verloren. So ist auch das Anzeigenvolumen stark gesunken, die Kosten sind gestiegen für Material, für Verteilung, für Arbeitskräfte. Das Internet veränderte das Anzeigenverhalten, zum Beispiel in der Gastronomie, bei den Dienstleistern und Reiseveranstaltern, bei Banken und Versicherungen. Darauf sattelte noch die Corona-Krise. Wir mussten das langjährige wöchentliche Erscheinen aufgeben. Die Einnahmen erlaubten uns nur noch eine Zeitung aller 14 Tage. Dazu kam ein zunehmender politischer Einfluss. Als unabhängige Zeitung haben wir immer allen Parteien eine Plattform geboten und waren froh, nie von der NPD angefragt worden zu sein. Deshalb waren kritische Kommentare und Anzeigen der AfD kein Grund zur Verweigerung. Damit aber standen wir schon sehr früh im Gegensatz zu anderen Printmedien. Die Stadt schneidet uns bei Anzeigen. Die Vergabe des Auftrags „Amtsblatt" wurde uns aus politischen Gründen verweigert. Wichtige langjährige Anzeigenkunden meiden uns wegen Nähe zum rechten Spektrum und beziehen sich gern auf ein dubioses Gutachten von der Uni Jena. Im April 2021 wurden unsere Anzeigenkunden durch das „Aktionsbündnis Gera gegen Rechts" angeschrieben und über unsere „falsche Gesinnung" informiert. Zum Glück ohne Erfolg. Im April 2023 schrieb der gleiche selbsternannte „Wächterrat" alle unsere Partner bei der seit Januar praktizierten Punktverteilung an und hob den Zeigefinger belehrend und versteckt den drohenden Mittelfinger. Es gibt eine Vielzahl von Akteuren, die Neues Gera lieber heute als morgen verschwinden sehen möchten. Aber es gibt viel, viel mehr Menschen, die unsere Zeitung regelmäßig lesen wollen, weil wir eben offen sagen, was der Kritik bedarf. Inzwischen sind die Verteilfirmen die Königsmacher. In Ostthüringen besteht ein Monopol. Steigende Kosten, Mindestlöhne, fehlende Verteiler und ausufernde Bürokratie haben die Wettbewerber aus dem Markt gedrängt. Nur spezielle Anbieter können sich noch einen Print-Vertrieb leisten. Die Post ist oder gibt sich überlastet, der Monopolist aus Essen will durch politisch korrektes Verhalten sich und die Welt retten. Uns bleibt die Auslageverteilung. Inzwischen haben wir über 150 Auslagestellen und eine steigende Auflage. 

Wie soll es mit der Zeitung Neues Gera weitergehen? 

Wir sind jetzt bei knapp 20.000 Exemplaren, durchaus ein Grund zum Feiern. Unterstellt man, dass die Briefkastenverteilung zu 75 Prozent und weitere 25 Prozent die Zeitung nicht wollen oder nicht wahrnehmen, so sind wir fast schon im bewährten Tritt. Aber das Verbreitungsgebiet wird größer. Auch das Internet mit kostenfreier Nutzung unseres Inhalts trägt dazu bei. Wenn wir früher hörten, dass in Münchenbernsdorf Geraer Themen nicht interessieren, so erfahren wir jetzt, dass Neues Gera weitab vom Simson-Brunnen gelesen wird. Das liegt sicher daran, dass wir außer den Themen rund um Rathaus und Kirchturm auch Informationen und Meinungen anbieten, die nicht weichgespült sind. Man darf dem Volk nicht nach dem Munde reden, aber man darf dem Volk auch nicht über den Mund fahren. Wir machen weiter. Wir spüren den Bedarf, wir sehen einen Auftrag. Nicht jeder Leser wird in dieser Zeitung seine Auffassung von der Welt bestätigt finden. Aber das ist auch nicht die Aufgabe der Presse. Sondern: Das sagen, was nicht verschwiegen werden darf.

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