Politik,Gesellschaft

Kahlschlag am Straßenrand

Andreas Schenke und Annett Herrmann ärgern sich immer noch über die gerodete Hecke am Straßenrand und das bei den Bagger-Arbeiten der Stadt beschädigte Werbeschild. Foto: Jens Lohse

Erschienen am 22.04.2022

Von Jens Lohse

Vor zwölf Jahren übernahm Annett Herrmann von ihren Eltern das Haus in der Siedlung Heimatscholle in Roschütz. Von der Straße trennte das Grundstück eine große, über viele Jahre gewachsene Hecke, die schon von Annett Herrmanns Eltern gepflegt wurde. „Ich kann mich gut erinnern, wie wir die Hecke immer geschnitten und den dort abgeworfenen Müll beseitigt haben", erzählt sie. 2018 kam dann ein Schreiben von der Stadt, die Eigentümerin solle doch bitte die Hecke schneiden, damit die so entstandene Sichtbehinderung für den Verkehr entfallen würde. Annett Herrmann dazu: „Es war viel zu tun. Wir waren ein bisschen hinterher mit der Pflege. In meinem Antwortbrief habe ich dann erwähnt, dass es aber gar nicht unsere Aufgabe sei, die Hecke zu schneiden, weil diese auf städtischem Grund steht und wir für die jahrelange Pflege nie etwas erhalten hätten." Daraufhin bot die Geraer Stadtverwaltung an, dass Annett Herrmann das Heckengrundstück kaufen oder pachten könne. „Das habe ich aber abgelehnt. Einen Pflegevertrag hätte ich akzeptiert, um meine Aufwendungen erstattet zu bekommen", verriet die 52-Jährige. Fortan übernahm der Fachdienst Stadtgrün die Heckenpflege. Immer mal wieder gab es Beschwerden. 2020 ging ein Brief vom Fachdienst Verkehr ein, in dem wieder die schlechte Sicht für den ausfahrenden Verkehr bemängelt wurde. Ein Pflegevertrag kam dennoch nicht zustande. Im Spätsommer 2021 meldete sich dann der Fachdienst Stadtgrün, diesmal zum Vor-Ort-Termin. Aus personellen Gründen sei man nicht mehr in der Lage, die Hecke zu pflegen, weshalb diese im Februar/März 2022 gerodet werden solle. 14 Tage vor Beginn sollten Annett Herrmann darüber informiert werden, um die Leuchtreklame für den kleinen Fahrradladen ihres Lebensgefährten Andreas Schenke in Sicherheit bringen zu können. „Am 4. Februar wurden wir dann darüber informiert, dass die Rode-Arbeiten am 7. Februar beginnen sollten. Das Wochenende lag dazwischen. Für Rückfragen war bei der Stadt niemand mehr zu erreichen", so Annett Herrmann. Als dann bei den Bagger-Arbeiten auch noch die Leuchtreklame beschädigt wurde, war der Ärger endgültig perfekt. „Mich hat dann jemand von der Stadt angerufen, mich gefragt, ob ich der ´Fahrrad-Heini' wäre, sich formal entschuldigt und gesagt, die Versicherung werde den Schaden begleichen", erinnert sich Andreas Schenke. Der Kostenvoranschlag wies etwa 600 Euro brutto aus. Weitere Schreiben gingen hin und her. Die Stadtverwaltung wollte die Hälfte des Neupreises erstatten. „Dafür kann ich das Schild aber nicht wiederbeschaffen", so Andreas Schenke. Ein weiteres Gesprächsangebot wurde am 24. März eingelöst. „Da stand ich gleich vier Vertretern verschiedener Fachdienste gegenüber. Mir wurde mitgeteilt, dass unser Werbeschild eigentlich auf städtischem Grund stand, wir deshalb eine Sondernutzungserlaubnis hätten beantragen müssen. Die Stadt dürfte also für die letzten vier Jahre 1600 Euro verlangen. Ich soll doch also mit den 300 Euro zufrieden sein", erzählte Annett Herrmann über den Inhalt des Gesprächs und ärgerte sich: „Ich fühle mich erpresst. Die Heckenpflege über Jahre haben wir umsonst durchgeführt. Und dann so etwas."
Unterm Strich bleibt ein gerodeter, unbefestigter Hang in der Roschützer Straße, der nun eine 50 Meter lange Hecke ersetzt, die Nistplatz vieler Vögel war und zahlreichen Insekten Raum bot. Wie sich der Hang beim nächsten Starkregen verhält, ist indes unklar. Die am Straßenrand verbliebenen Eisenstangen darf die Familie Herrmann/Schenke übrigens nach Anfrage bei der Stadt für die Errichtung eines neuen Grundstückszauns verwenden, der dann wieder auf städtischen Grund stände ...

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