Kultur

Der Bildschirm als Kunstobjekt

Der Wiener Künstler Günther Selichar hat seine Ausstellung „Schirmherrschaft“ nach Gera gebracht. Foto: Wolfgang Hesse

Erschienen am 17.04.2023

Von Wolfgang Hesse 

Gera (NG). Mit einer neuen besonderen Ausstellung überrascht die Geraer Kunstsammlung in der Orangerie. Vom April bis Juni sind unter dem Titel „Schirmherrschaft" Werke von Günther Selichar zu sehen. Anders als in der vorherigen Schau der analogen Kunst beherrscht hier das Farbsystem Rot-Grün-Blau die Ausstellungsstücke. Selichars Titel bezieht sich hierbei auf eine doppeldeutige Aussage, die Herrschaft der Bildschirme. Der österreichische Künstler beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Medienkunst, deren Wahrnehmung, Techniken und insbesondere der Wechselwirkung zwischen Mensch und realer Maschine. Seine großformatigen Werke, alles Fotografien, sind im Südflügel und im Mittelpavillon in einer weitläufigen Raumpräsentation zu sehen. Weniger ist hierbei mehr, so beschreibt Museumsmitarbeiterin Astrid Lindinger die Anordnung. 

Im Zentrum stehen dabei fünf Arbeiten im Seitenverhältnis eines Smartphone. Darauf sind die fünf englischen Fragewörter: „Who?", „What?" „Where?", „When?" und „Why?" zu lesen (The double You Series). Für Selichar gehören diese Worte quasi zu den fünf Geboten des Journalismus. Sie beschreiben eindeutig die Fakten eines Vorganges. Selichar lenkt mit dieser medienkritischen Arbeit den Blick auf die Massenmedien und mahnt in Zeiten von Fake-News und Propaganda zur faktenorientierten Berichterstattung. „Wie man sich bei den fünf Fotos eine Position suchen muss, ab wo aus man den Text lesen kann, so muss sich jeder Konsument seine Position zu den Massenmedien verdeutlichen, was man als wahr oder glaubhaft einstufen kann", so der Künstler. Tritt man ganz nah an die Fotografien der W-Worte heran, so sieht man, die von Selichar fotografierte Oberfläche der Screens, die sich aus Pixeln zusammensetzt. Damit verdeutlicht der Künstler, dass alles, was wir auf dem „Fenster zur Welt" sehen, den gleichen technischen Ursprung hat. Selichar nähert sich mit verschiedenen Sichten den Bildschirmen. „Screens Cold" gibt die kalten Oberflächen verschiedener Monitore wieder, die sofort verschwinden, wenn ein Bild erscheint. Die drei digitalen RGB-Farben hat er auf Fotos von Monitoren extrahiert und seine unterschiedlichen Aufnahmen unter den Namen „Standby" symbolisieren das Leben in einem schlafenden Röhrenmonitor, der als ausgeschaltet erscheint. Mit einer Wärmebildkamera macht er Temperaturen im Gerät sichtbar. 

Selichars Werke sind international berühmt, waren schon auf dem Times Square in New York und auf der Biennale von Venedig zu sehen. Dazu zählt auch seine faszinierende Videoproduktion „GT Granturismo" aus dem Jahre 2001. Diese wurde bereits über 100-Mal gezeigt und ist im Mittelpavillon zu sehen. Hier filmt Selichar den Blick durch eine Frontscheibe während der Fahrt über Land. Nach und nach treffen Insekten auf das Glas, bis man kaum noch etwas von der Straße erkennen kann. Manche können sich selbst daran erinnern, als es noch solch eine Insektenvielfalt in der Natur gab. 

Die Ausstellung in Gera ist in Kooperation mit dem Museum der Moderne Salzburg entstanden. Noch bis zum 11. Juni ist die Ausstellung zu den Öffnungszeiten der Kunstsammlung in der Orangerie zu erleben.

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