Kultur

ERNA zurück im Fettnäppchen

Eva-Maria Fastenau feiert mit neuem Programm ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Eva-Marie Fastenau als „Erna vom Markt“, so wie sie ihr Publikum lieben lernte. Foto Susanne Russe

Erschienen am 06.09.2022

Von Wolfgang Hesse 

„Alle wollten die Erna", erinnert sich Eva-Maria Fastenau, wenn sie an die Programme vor dem ZK der SED, vor Herbert Ziegenhahn oder vor Erich Honecker zurück denkt. Die Zeit als Kabarettistin in der DDR hat sie geprägt. Geboren wurde Eva-Maria Fastenau in Stralsund und erlernte den Beruf eines Ladungskontrolleurs im Überseehafen. „Man kann diesen Job mit den Tallyman vergleichen, den Harry Belafonte in seinen Lied besingt", sagt sie lächelnd. Nach der Berufsausbildung mit Abitur studierte sie Journalistik in Leipzig. An der Uni Leipzig gab es das Studentenkabarett academixer, wo sie ab 1972 mitwirkte. „Journalismus war nicht ganz mein Ding. Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden, doch blond, groß und schlank war ich nicht", lacht sie. Bereits 1978 holte sie der damalige Chef vom Fettnäppchen nach Gera. „Das war mein Glück", meint sie heute. Ansonsten sei ihr Leben nie von großen Zielen oder Träumen geprägt gewesen. „Was ich einmal angefangen habe, das habe ich auch durchgestanden", erzählt Eva-Maria Fastenau. „In all den Jahren bis heute habe ich nie vor Tiefen kapituliert oder resigniert." Manches sei vor der Wende im Kabarett einfacher gewesen, sagt sie. „Wir haben Kritik an Zuständen, nicht an den Grundsätzen geübt und das kam beim Publikum gut an." Schmerzlich musste sie jedoch nach der Maueröffnung feststellen: „Wir hatten nur eine gewisse Ventilfunktion für die Menschen in der DDR, das war schon eine arge Enttäuschung." Die Wendezeit bescherte dem Fettnäppchen viele ausverkaufte Programme. Jeder wollte wissen, wie das Kabarett zur aktuellen Situation steht. „1989 wechselte die Leitung des Kabaretts. Plötzlich waren wir ein Ensemble ohne Reglementierung von oben und mit einen unwahrscheinlich kreativem Potential. Das war eine ganz wilde und spannende Zeit. Manche Texte waren teilweise über Nacht überholt.", erinnert sich Eva-Maria Fastenau. Genau so spannend fand sie damals den Sprung ins kalte Wasser. Im Jahre 1991 übernahmen Eva-Maria Fastenau und Susanne Russe die Leitung des Kabaretts Fettnäppchen und sie waren damit das erste eigenständige Kabarett in den neuen Bundesländern. Die Pandemiezeit setzte auch dem Ensemble mächtig zu. Drei Leute verließen das Kabarett. „Ohne staatliche Hilfen hätten wir diese Zeit nicht überstehen können. Trotzdem brachte das einen lästigen bürokratischen Aufwand mit sich.", so die Kabarettchefin „Jetzt suchen wir gerade neue Schauspieler und einen Techniker. Wer jemand kennt, kann sich gern bei uns melden." Heutzutage gäbe es kaum politische Themen, worüber man lachen kann. „Wir beschäftigen uns vielmehr wieder wie zu DDR-Zeiten mit den Auswirkungen der Politik, wie etwa die hohen Preise bei Strom und Gas und warum wir uns im Winter möglicherweise den Arsch abfrieren müssen", sagt Eva-Maria Fastenau. Aktuell arbeitet das Team am neuen Programm „50 Jahre Dicke da", in dem Anett Buchinski und Michael Seeboth ihrer Chefin zum Bühnenjubiläum gratulieren. Es soll eine Mischung aus Altem und Neuem werden und auch die „ERNA" wird darin vorkommen. Dennoch sei es schwer, 50 Jahre in 90 Minuten zu packen. „Viele Sketche aus der DDR-Zeit, verstehen die Leute heute kaum noch", weiß Eva-Maria Fastenau. „Obwohl uns viel Stammpublikum über die Pandemie abhanden gekommen ist, schauen wir nach vorn. Es gibt immer neue Herausforderungen, die du einfach machen musst", meint die Kabarettistin. „Ich kann mir nicht von jeder Kritik schlaflose Nächte machen, sonst hätte ich die 50 Jahre nicht überstanden. Langweilig ist dieser Job nicht und ich würde gern so lange weitermachen, wie ich gesund und kreativ bin." Karten zu den aktuellen Programmen bis Oktober gibt es dienstags, donnerstags und freitags von 11 bis 18 Uhr im Kabarett Fettnäppchen.

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