Politik

Gegen das Vergessen

Im Buch „Gulag und Genossen“ schildert der 90-jährige Geraer Günther Rehbein seinen persönlichen Leidensweg. Foto: Jens Lohse

Erschienen am 23.08.2023| Jahrgang: NG 17/23

Von Jens Lohse Gera (NG). „Um die Demokratie von heute zu gestalten, müssen wir die Vergangenheit verstehen. Und dazu gehört es auch, über die stalinistischen Verbrechen der SED-Diktatur zu sprechen und über diese aufzuklären", sagt Günther Rehbein in seiner Wohnung in der Geraer Eiselstraße. Der 90-Jährige hat in seinem Leben viel Leid erfahren müssen. Im August 1952 wurde der junge Familienvater an seinem Arbeitsplatz im Modedruck zwei Stunden vor Ende der Spätschicht von zwei Stasi-Mitarbeitern verhaftet und zur sowjetischen Militär-Kommandantur am Hauptbahnhof gebracht. Er hatte sich abfällig über die Versorgungslage in der sowjetischen Besatzungszone geäußert, nachdem er zuvor in West-Berlin für seine Familie einkaufen war. Vorgeworfen wurden ihm aber Spionage und die Absicht, die Kommandantur der Roten Armee in die Luft sprengen zu wollen. Was folgte, war ein unsäglicher persönlicher Leidensweg mit Gefängnisaufenthalten in der Geraer Amthorstraße, der NKWD-Zentrale in Berlin-Karlshorst und im Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz. Zu 25 Jahren Lagerhaft von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt, verbüßte er seine Strafe in Workuta, wo unter widrigsten Bedingungen bei eisigen Temperaturen Kohle für die Region St. Petersburg gefördert wurde. 1955 kehrt er in die DDR zurück, wobei sein Leid noch längst nicht enden sollte. Zum einen durfte er nicht über das erlebte Unrecht sprechen, zum anderen nicht mehr in seinem erlernten Beruf als Maler arbeiten. Seine Frau war inzwischen erneut verheiratet, weil sie ihn für tot gehalten hatte. Gegen Stasi-Anwerbungen wehrte er sich erfolgreich. 1968 musste Günther Rehbein erneut für vier Jahre ins Gefängnis nach Bautzen, nachdem ihm der Stasi-Mitarbeiter, der ihn 1952 verhaftet hatte, auf offener Straße mit den Worten „Dass sie noch leben" begegnete. „Darauf hatte ich mich nicht mehr unter Kontrolle, habe ihn niedergeschlagen und das Parteiabzeichen abgerissen", erinnert sich der heute 90-Jährige. Zwei seiner Ausreiseanträge wurden später abgelehnt. Erst 1995 wurde er von der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert. 

Seit 1990 engagiert sich Günther Rehbein als Zeitzeuge bei der Aufklärung stalinistischer Verbrechen der SED-Diktatur mit Vorträgen an Schulen im gesamten Bundesgebiet. In seiner 2006 im Verlag Neue Literatur Jena-Plauen veröffentlichten Biografie „Gulag und Genossen" schildert er seine Erinnerungen. „Der Stalinismus unterschied sich vom Hitlerfaschismus nur dadurch, dass es keine Gaskammern gab", sagt Günther Rehbein, der mit der Aufarbeitung der damaligen Verbrechen gerade im Freistaat unzufrieden ist und dafür auch Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow kritisiert. „Das Unrecht von damals darf nicht in Vergessenheit geraten. Dazu gehören die Toten an der innerdeutschen Grenze genauso wie das stalinistische Lager in Buchenwald. Diese Dinge müssen den jungen Menschen mit auf den Weg gegeben werden. So etwas darf sich nicht wiederholen", mahnt er, der trotz seines hohen Alters geistig rege häufig an bayerischen und sächsischen Schule mit seinen Vorträgen unterwegs ist. „Gerade in Zeiten des Lehrermangels kann man doch locker und leicht zwei Stunden gelebten Geschichtsunterricht mit einem Zeitzeugen bestreiten. In Thüringen wird das viel zu selten gemacht", schimpft Günther Rehbein und ergänzt: „Das sehe ich als meine Aufgabe. Es belastet mich, wenn die damaligen Verbrechen verschwiegen werden." 

Auch die derzeitige Entwicklung in Deutschland sieht er kritrisch. „Wenn unbequeme Wahrheiten und Meinungen in der Öffentlichkeit oder in den Medien nicht mehr ausgesprochen werden dürfen, Zeitungen, die nicht der staatlichen Lenkung unterliegen, diskreditiert und in den Schmutz gezogen werden, dann frage ich mich schon, ob unsere Demokratie schon wieder erste Risse aufweist", sagt er und will, dass die Leute einfach einmal darüber nachdenken.

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