Sport

„Drei Stunden später war die Grenze auf“

Der heute 61-jährige Geraer Wismut-Fußballer Jens Aschentrup erzielt seine ersten Tore in der DDR-Liga am 20. September 1981 gegen Chemie IW Ilmenau. Foto: Jens Lohse

Erschienen am 16.04.2024

Von Jens Lohse

Gera (NG). Er hatte die weiteste Anreis zum kürzlichen Wismut-Treffen in Harpersdorf, zu dem sich ehemalige Geraer Fußballer versammeln, um in Erinnerung an ihre Laufbahn zu schwelgen. Jens Aschentrup kam aus dem mehr als 400 Kilometer entfernten Oberweier, einem Ortsteil der Gemeinde Friesenheim in Baden-Württemberg in der Nähe von Freiburg im Breisgau. Dorthin hatte es den heute 61-Jährigen nach der Wende verschlagen. Seine fußballerischen Wurzeln liegen aber in Gera.
Vater Lothar Aschentrup hatte selbst bei Wismut Gera Fußball gespielt, so dass es kein Zufall war, das auch sein in Gera gebürtiger Sohn im Alter von sechs Jahren im Stadion der Freundschaft begann, dem runden Leder nachzujagen. Bis zu den Schülern kickte er bei den Orange-Schwarzen, schaffte den Sprung in die Bezirksauswahl und holte mit dieser 1977 bei der Spartakiade in Leipzig die Silbermedaille. Im Team, das nur Erfurt den Vortritt lassen musste, standen u.a. Stefan Meixner, Fred Steinborn, Robby Zimmermann und Matthias Jacob.
Gemeinsam mit Matthias Jacob wechselte Jens Aschentrup im gleichen Jahr an die Kinder- und Jugend-Sportschule nach Jena. Dort blieb er eineinhalb Jahre, bis er in einer Nacht- und Nebelaktion nach Gera zurückgeschickt wurde. Was war passiert? Am Rande des Europapokalspiels des FC Carl Zeiss Jena gegen den MSV Duisburg im Oktober 1978 war er mit einem Duisburger Zuschauer in Kontakt gekommen. Man tauschte die Namen aus, die Heimatadressen aber nicht. Also schickte der MSV-Fan im Januar 1979 einen Brief mit einem Dankesschreiben für die nette Betreuung in Jena, einem Duisburger Mannschaftsbild und einem MSV-Aufnäher an das Internat der Jenaer Sportschule. „Um 9 Uhr haben sie mich aus dem Unterricht geholt und am Abend war ich wieder in Gera, das Kapitel Leistungsfußball war für mich also früh abgehakt", erinnert sich Jens Aschentrup noch genau und ergänzt: „Das war auch noch genau in der beginnenden Prüfungszeit der zehnten Klasse. Zum Glück konnte ich in meine alte Schule in Gera zurück."
Unter Nachwuchstrainer Gerd-Reiner Milek kickte er fortan sonntags bei den Junioren, am Sonnabend gemeinsam mit Matthias Jacob auch schon in der zweiten Wismut-Mannschaft in der Bezirksliga. „Wenn mal kein Spiel war am Wochenende, dann war ich mit ´Jacser' oft beim Sondertraining mit Gerd Struppert, der sich um die jungen talentierten Angreifer kümmerte", weiß Jens Aschentrup noch. Parallel begann er eine Ausbildung zum Karosseriebauer bei Bus Fleischer.
Vor der Saison 1981/82 erhielt er erstmals eine Planstelle im DDR-Liga-Team der BSG Wismut Gera unter Trainer Hans Speth. Sein Debüt gab er am 30. August 1981 bei Motor Weimar, als ein Treffer von ihm wegen einer Abseitsstellung keine Anerkennung fand. Drei Wochen später trug sich der damals 19-Jährige erstmals in die Torschützenliste ein - und das gleich doppelt. Beim 3:0-Erfolg gegen Chemie IW Ilmenau zeichnete er für das 2:0 und 3:0 verantwortlich. „Für einen jungen Spieler wie mich war die Hierarchie im Team schon beeindruckend. Die Alten um Joachim Posselt, Heinz Zubek oder Werner Neubert hatten das Sagen. Wir mussten uns unterordnen, was für mich aber überhaupt nicht schlimm war. Da wusste ich, woran ich war", so Aschentrup, der mit Andreas Rosenkranz und Matthias Jacob ein unzertrennliches Team bildete und nach seiner starken Premierensaison mit 16 Spielen und sieben Treffern zur NVA einberufen wurde. Gemeinsam mit Bernhard Konik und dem Weidaer Frank Pohland kickte er bei der ASG Gera.
Im November 1983 kehrte Jens Aschentrup zu Wismut Gera zurück, erzielte gleich bei seinem Comeback gegen Motor Rudisleben als Einwechsler den Treffer zum 2:0-Endstand. Eine Woche später ging es nach Nordhausen. Wismut lag mit 0:1 hinten. Der eingewechselte Aschentrup lief in eine Flanke, kam ins Stolpern und hechtete nach dem Ball, den er aber mit der Faust ins Netz beförderte. Mitspieler Thomas Schmiecher jubelte. Der Schiedsrichter hatte nichts gesehen, die 1500 Zuschauer im Albert-Kuntz-Sportpark schon. 1:1 endete die Partie. „Das haben mir die Nordhäuser nie verziehen, auch nicht, als ich für Motor gespielt habe", weiß der mit 1,87 m großgewachsene Angreifer noch genau. Über sporadische Einsätze kam Jens Aschentrup in der Folge nicht mehr hinaus.
Nach der 2:5-Niederlage bei Vorwärts Dessau im Oktober 1984 wurde er ins Trainerbüro bestellt und ohne offizielle Begründung aus dem DDR-Liga-Kader aussortiert. Die Saison spielte er bei Wismut Seelingstädt mit Uwe Pilakowski und Uwe Leonhardt in der Bezirksliga zu Ende. 1985 wechselte er zu Motor Nordhausen, wo sein einstiger Wismut-Mitspieler Werner Neubert eine verantwortliche Position in der sportlichen Leitung übernommen hatte. Heimisch fühlte er sich im Südharz aber nicht. „Ich habe im Arbeiterwohnheim geschlafen, bin jeden zweiten Tag nach Hause gefahren. Alle meine Freunde waren in Gera", so Jens Aschentrup, der nur einen Treffer für die Nordhäuser erzielte und zwar am 30. Oktober 1985 im Auswärtsspiel bei Wismut Gera. „Das war schon ein komisches Gefühl, gegen meine alten Kumpels zu treffen. Ich habe gegen Michael Böttner gespielt und das 2:0 erzielt. Nach einem von mir verursachten Elfmeter konnte Heiko Häußler noch auf 1:2 verkürzen. Dann war Schluss".
Nach einer schweren Schulterverletzung war in Nordhausen am Saisonende auch für Jens Aschentrup Schluss, der dann noch in Gera für Elektronik und Wismut Bieblach unterklassig auflief. „Als ich 1989 einen Ausreiseantrag gestellt habe, war ich im Sportbüro der WSG Wismut Bieblach nicht mehr tragbar. Mit Tränen in den Augen hat mich Erich Blumberg verabschiedet", erinnert sich Jens Aschentrup, der am 9. November über die grüne Grenze der Tschechoslowakei in die BRD flüchtete. „Drei Stunden später haben sie uns gesagt, die Grenzen sind auf. In Marktredwitz haben sie mich in den Zug aus Prag gesetzt. Es ging nach Lahr in den Schwarzwald, wo wir in einer Turnhalle untergebracht waren. Im Rahmen der Aktion ´Sportler helfen Sportlern aus der DDR' fuhr mich dann ein Zeitungsreporter zu verschiedenen Fußballvereinen. Ich kam beim Verbandsligisten SV Oberweier unter, für den auch Ex-DDR-Nationalspieler Gerd Weber von Dynamo Dresden kickte. Freitag war ich angekommen. Montag war ich schon auf Arbeit. Kurz vor Weihnachten kam meine Frau mit den Kindern nach", erzählt Jens Aschentrup, der 1993 seine Fußballer-Laufbahn beendete, zehn Jahre als Fliesenleger, später bei Grohe-Armaturen und als Caravan-Verkäufer arbeitete. Aufgrund einer schweren Erkrankung ist Jens Aschentrup seit 2019 berentet. In diesem Herbst wird er mit seiner Heike 40 Jahre zusammen sein. Den Kontakt zu Wismut Gera hat er nie abreißen lassen. Gerade mit Andreas Rosenkranz verbindet ihn immer noch eine tiefe Freundschaft.

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